Zusammenhänge zwischen der Anwendbarkeit von Signaturstärken im Beruf, Gesundheit und Wohlbefinden

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In einer aktuellen Publikation¹ habe ich untersucht, wie die Anwendung der Signaturstärken im Beruf mit Wohlbefinden und Gesundheit zusammenhängen. Signaturstärken sind die Charakterstärken, die am zentralsten für das Individuum sind, von denen man das Gefühl hat „das bin wirklich ich“ und „ohne diese Stärke wäre ich nicht die Person, die ich bin.“ Ausgangspunkt für die Untersuchung war die Überlegung, dass sich eine Förderung der Charakterstärken vonseiten des Arbeitgebers positiv auf das Wohlbefinden und die Gesundheit der Mitarbeiter auswirken und sogar die Entstehung von Burnout verhindern könnte. Macht es aus Unternehmersicht Sinn, ein Bewusstsein für Charakterstärken zu schaffen, sowie einen Stärkenfokus zu setzen?

Was wurde untersucht?

Um sich die Zusammenhänge näher anzusehen wurden zwei Studien durchgeführt. In Studie 1 wurden 387 Medizinstudierende einer österreichischen Universität befragt und in Studie 2 wurden 136 AssistenzärztInnen zweier österreichischer Kliniken in die Analysen miteinbezogen. Sie füllten im Rahmen des WELL-MED Projekts unter anderem Fragebögen zu ihrem aktuellen Wohlbefinden, ihrer psychischen und körperlichen Gesundheit, Burnout, ihren Charakterstärken und der Anwendbarkeit ihrer fünf Signaturstärken im beruflichen Kontext aus. Die 24 Charakterstärken wurden mit einer Kurzversion des Values In Action Inventory of Strengths (VIA-120)² erhoben und deren Anwendbarkeit mittels der Applicability of Character Strengths Rating Scales (ACS-R)³. Burnout wurde mit dem Maslach Burnout Inventar erhoben und Gesundheit mittels des Short Form Health Survey (SF-12). Um Wohlbefinden zu erheben, wurde das Comprehensive Inventory of Thriving (CIT) verwendet.⁵ Das CIT misst sowohl das subjektive Wohlbefinden (SWB), bestehend aus Lebenszufriedenheit, positiven und negativen Emotionen als auch das psychologische Wohlbefinden (PWB). PWB besteht aus folgenden Aspekten:

  • Beziehungen sind elementarer Bestandteil unseres Wohlbefindens und zählen darüber hinaus auch zu den psychologischen Grundbedürfnissen.⁶ Positive Beziehungen beinhalten gegenseitige Unterstützung (durch andere), Gemeinschaft (mit Nachbarschaft und Gemeinde), Vertrauen (zu anderen), Respekt (von anderen erhalten), Zugehörigkeit (Gemeinde, Bundesland, Land) und das gegenteilige Gefühl von Einsamkeit.⁵
  • Engagement ist ebenfalls ein zentraler Bestandteil von Wohlbefinden.³ Engagiert und begeistert sein, seine Stärken zu kennen und einzusetzen fördert das Erleben von Flow (= Aufgehen im Tun) und das Entfalten des eigenen Potenzials (= Flourishing).⁵
  • Das Erleben von Sinn und Zweck im Leben und das dementsprechende Handeln, ist ein wichtiger Wohlbefindensaspekt.⁵
  • Können (= Mastery) besteht aus Fähigkeit (=Anwendung der Stärken), Lernen (neuer Dinge), Selbstwirksamkeit (= das was ich tue, ändert auch etwas in meinem Umfeld) , Selbstwert (was ich tue ist wertvoll) und Vollbringung (= Zielerreichung).⁵ Das Gefühl zu haben kompetent in der Bewältigung täglicher Anforderungen oder Herausforderungen ist ebenfalls eines der drei psychologischen Grundbedürfnisse.⁶
  • Autonomie ist das dritte der psychologischen Grundbedürfnisse.⁶ Das Gefühl der Freiwilligkeit sowie der Kontrollierbarkeit des eigenen Lebens ist ebenfalls ein essentieller Aspekt von Wohlbefinden.⁵
  • Optimismus (bzw. Zuversicht), also das Erwarten positiver Dinge im Leben sowie eine optimistische Einstellung gegenüber der Zukunft ist ein weiterer wichtiger Aspekt von Wohlbefinden.⁵

Fragebögen

Fragestellungen

(1) Hängt eine häufige Anwendung der Signaturstärken mit höherer Wohlbefinden und Gesundheit zusammen?

(2) Werden diese Zusammenhänge durch Burnout vermittelt?

(3) Gibt es Unterschiede in der Anwendbarkeit der Stärken, Wohlbefinden und Gesundheit zwischen den Medizinstudierenden und den AssistenzärztInnen?

Was wurde gefunden?

(1) Die Anwendung der Signaturstärken hing mit einem höheren Wohlbefinden und besserer psychischer Gesundheit zusammen. Hinsichtlich körperlicher Gesundheit gab es keinen bedeutsamen Zusammenhang (in Studie 1 und Studie 2).

(2) Um die Frage zu klären, ob die Zusammenhänge von (1) durch Burnout vermittelt werden, muss man das Prinzip einer sogenannten Mediation verstehen. Ein eingängiges Beispiel ist der Zusammenhang zwischen der Geburtenrate und der Zahl an Störchen in verschiedenen Ländern der EU. Diese beiden Variablen hängen aber nur deshalb miteinander zusammen, weil im Hintergrund die Größe der Länder steht, welche den Zusammenhang erklärt. Bezieht man letzteren mit ein, verschwindet der direkte Zusammenhang, man spricht von einer vollständigen Mediation (bzw. einem signifikanten indirekten Effekt). Von einer teilweisen Mediation spricht man dann, wenn der direkte Zusammenhang abgeschwächt wird, aber dennoch bestehen bleibt.
In unserer Studie ist die Anwendung der Stärken die  Storchenanzahl und die Geburtenrate ist das Wohlbefinden bzw. die Gesundheit. Dahinter steht (möglicherweise) etwas anderes, wie z.B. Burnout. Um das herauszufinden, wurden Mediationen berechnet.

In Studie 1 (Studierende) wurde der Zusammenhang zwischen der Stärkenanwendung und Wohlbefinden (SWB als auch PWB) teilweise durch Burnout vermittelt. Das heißt, dass der direkte Zusammenhang schwächer wurde, jedoch bestehen blieb. Ein Teil dieses Zusammenhangs ließ sich durch eine niedrigere Ausprägung von Burnout (emotionale Erschöpfung) erklären. Der Zusammenhang zwischen der Stärkenanwendung und Gesundheit ließ sich vollständig durch niedrigeres Burnout erklären.

In Studie 2 (ÄrztInnen) wurde der Zusammenhang zwischen der Stärkenanwendung und dem subjektiven Wohlbefinden sowie der körperlichen Gesundheit vollständig durch Burnout vermittelt (kein direkter Zusammenhang mehr). Der Zusammenhang zum psychologischen Wohlbefinden war teilweise mediiert, sodass der direkte Zusammenhang noch immer signifikant war. Der Zusammenhang zwischen der Stärkenanwendung und der psychischen Gesundheit war in dieser Studie nicht durch Burnout mediiert und der direkte Zusammenhang blieb somit bestehen.
Alle Analysen wurden für Geschlecht, Alter und Familienstand kontrolliert. Das bedeutet, dass ein möglicher vermittelnder Einfluss durch diese Variablen mit einberechnet wurde.

(3) Die AssistenzärztInnen hatten etwas höhere Werte in der Anwendbarkeit ihrer Signaturstärken sowie etwas höhere mentale Gesundheit. Hinsichtlich der anderen Variablen unterschieden sie sich nicht von den Medizinstudierenden.

Zusammenfassung und Fazit

Zusammenfassend zeigte die Studie einen positiven Zusammenhang zwischen der Anwendung der Signaturstärken mit Wohlbefinden und Gesundheit. Je häufiger also die Stärken im Job angewendet werden konnten, desto besser ging es den Personen im Durchschnitt. Außerdem hatten die Personen, die ihre Stärken häufiger anwenden konnten eine geringere Wahrscheinlichkeit für Burnout. Diese Ergebnisse heben die Bedeutsamkeit einer Förderung der Anwendung von individuell bedeutsamen Charakterstärken für Wohlbefinden und Gesundheit hervor.

Künftige Studien werden zeigen, inwiefern diese Ergebnisse für andere Berufsgruppen verallgemeinerbar sind, inwiefern die Charakterstärken ein sinnvolles Konzept in der Prävention psychischer Erkrankungen (z.B. im Kontext von Gesundheitsberufen) darstellen und wie sich eine Stärkenkultur in Unternehmen am besten umsetzen lässt.

¹ Hausler, M., Strecker, C., Huber, A., Brenner, M., Höge, T. an & Höfer, S. (2017). Associations between the application of signature character strengths, health and well-being health of health professionals. Frontiers in psychology.

² Institute on Character, V. (2014). VIA Survey Psychometric Data [Internet]. Available online at: https://www.viacharacter.org/www/Research/Psychometric-Data

³ Harzer, C., and Ruch, W. (2013). The application of signature character strengths and positive experiences at work. Journal of Happiness Studies 14(3), 965-983. doi:10.1007/s10902-012-9364-0

Ware JE, Kosinski M, Keller SD (1996). A 12 Item Short Form Health Survey: Construction of scales and preliminary tests of reliability and validity. Med Care, 34(3), 220-233.

⁵ Hausler, M., Huber, A., Strecker, C., Brenner, M., Höge, T. & Höfer, S. (2017). Validierung eines Fragebogens zur umfassenden Operationalisierung von Wohlbefinden – Die deutsche Version des Comprehensive Inventory of Thriving (CIT) und die Kurzversion Brief Inventory of Thriving (BIT). Diagnostica (63), 219-228. https://doi.org/10.1026/0012-1924/a000174

Ryan, R. M., and Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. Am. Psychol. 55, 68–78. doi: 10.1037/0003-066X.55.1.68

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