Zusammenhänge zwischen den 24 Charakterstärken und verschiedenen Wohlbefindensaspekten

Pfau

In einer aktuellen Publikation¹ habe ich untersucht, wie die 24 Charakterstärken mit verschiedenen Wohlbefindensaspekten zusammenhängen. Ausgangspunkt für diese Untersuchung war die Überlegung, dass manche Charakterstärken für gewisse Aspekte besonders bedeutsam sind. Das wiederum würde es im Umkehrschluss ermöglichen Charakterstärken-Interventionen auf den jeweiligen Wohlbefindensaspekt, den man verändern möchte, zuzuschneiden. Möchte man also z.B. das Sinnerleben stärken, kann man sich die Frage stellen, welche Charakterstärke mit diesem Wohlbefindensaspekt am stärksten zusammenhängt und diese Stärke durch eine gezielte Intervention fördern, um mit großer Wahrscheinlichkeit eine Steigerung im Sinnerleben zu erzielen.
Eine spannende Überlegung, oder?

Was wurde untersucht?

117 Medizinstudierende wurden im ersten Jahr des Studiums ein erstes und ein Jahr später ein zweites Mal untersucht. Sie füllten im Rahmen des WELL-MED Projekts unter anderem Fragebögen zu ihrem aktuellen Wohlbefinden und ihren Charakterstärken aus. Die 24 Charakterstärken wurden mit einer Kurzversion des Values In Action Inventory of Strengths (VIA-120)² erhoben. Um Wohlbefinden zu erheben, wurde das Comprehensive Inventory of Thriving (CIT)³ verwendet. Das CIT misst sowohl das subjektive Wohlbefinden (SWB), bestehend aus Lebenszufriedenheit, positiven und negativen Emotionen als auch das psychologische Wohlbefinden (PWB). PWB besteht aus folgenden Aspekten:

  • Beziehungen sind elementarer Bestandteil unseres Wohlbefindens und zählen darüber hinaus auch zu den psychologischen Grundbedürfnissen.⁴ Positive Beziehungen beinhalten gegenseitige Unterstützung (durch andere), Gemeinschaft (mit Nachbarschaft und Gemeinde), Vertrauen (zu anderen), Respekt (von anderen erhalten), Zugehörigkeit (Gemeinde, Bundesland, Land) und das gegenteilige Gefühl von Einsamkeit.³
  • Engagement ist ebenfalls ein zentraler Bestandteil von Wohlbefinden.³ Engagiert und begeistert sein, seine Stärken zu kennen und einzusetzen fördert das Erleben von Flow (= Aufgehen im Tun) und das Entfalten des eigenen Potenzials (= Flourishing).⁵
  • Das Erleben von Sinn und Zweck im Leben und das dementsprechende Handeln, ist ein wichtiger Wohlbefindensaspekt.³
  • Können (= Mastery) besteht aus Fähigkeit (=Anwendung der Stärken), Lernen (neuer Dinge), Selbstwirksamkeit (= das was ich tue, ändert auch etwas in meinem Umfeld) , Selbstwert (was ich tue ist wertvoll) und Vollbringung (= Zielerreichung).³ Das Gefühl zu haben kompetent in der Bewältigung täglicher Anforderungen oder Herausforderungen ist ebenfalls eines der drei psychologischen Grundbedürfnisse.
  • Autonomie ist das dritte der psychologischen Grundbedürfnisse. Das Gefühl der Freiwilligkeit sowie der Kontrollierbarkeit des eigenen Lebens ist ebenfalls ein essentieller Aspekt von Wohlbefinden.³
  • Optimismus (bzw. Zuversicht), also das Erwarten positiver Dinge im Leben sowie eine optimistische Einstellung gegenüber der Zukunft ist ein weiterer wichtiger Aspekt von Wohlbefinden.³

Fragebögen

Fragestellungen

(1) Welche Charakterstärken hängen am stärksten mit subjektivem Wohlbefinden (SWB) zusammen?

(2) Welche Charakterstärken hängen am stärksten mit psychologischem Wohlbefinden (PWB) zusammen?

(3) Hängt eine starke Ausprägung der Charakterstärken im Allgemeinen stärker mit SWB oder PWB zusammen?

(4) Wie hängen die 24 Charakterstärken unterschiedlich mit den verschiedenen PWB-Aspekten (s.o.) zusammen?

Was wurde gefunden?

(1) Die 5 Glücksstärken Optimismus, Enthusiasmus, Dankbarkeit, Neugier, Bindungsfähigkeit Humor und Spiritualität waren die Stärken, die am stärksten mit SWB zusammenhingen.

(2) Auch hier erwiesen sich die 5 Glücksstärken als zentral für PWB. Darüberhinaus war aber noch eine Vielzahl an anderen Charakterstärken mit PWB assoziiert, was das allgemeine Potenzial der Charakterstärken für PWB unterstreicht.

(3) Eine starke Ausprägung der Charakterstärken im Allgemeinen (= ein hoher Mittelwert über alle 24 Stärken) hing stärker mit PWB als mit SWB zusammen. Die PWB-Aspekte Können, Sinn und Engagement hingen am stärksten mit den Charakterstärken im Allgemeinen zusammen, gefolgt von Beziehungen, Optimismus und zuletzt Autonomie.

(4) Beziehungen hingen insbesondere mit den Stärken Enthusiasmus, Teamwork und Spiritualität zusammen. Für Engagement zeigten sich die Stärken Enthusiasmus, Ausdauer und Spiritualität am Bedeutsamsten. Sinn war insbesondere mit Optimismus, Enthusiasmus und Selbstregulation assoziiert. Mit Können hing die größte Anzahl an Stärken signifikant zusammen. Am stärksten war Ausdauer, Neugier und Bindungsfähigkeit assoziiert. Autonomie hing mit der Stärke Hoffnung zusammen und der Wohlbefindensaspekt des Optimismus hing insbesondere mit den Stärken Hoffnung und Spiritualität zusammen.

Zusammenfassung und Fazit

Zusammengefasst war somit die Charakterstärke Hoffnung besonders mit den PWB-Aspekten Sinn, Optimismus und Autonomie korreliert und Enthusiasmus mit den PWB-Aspekten Beziehungen und Engagement. Durchhaltevermögen zeigte die höchste Korrelation mit dem PWB-Aspekt Können.

Neu an dieser Studie¹ war die differenzierte Analyse der verschiedenen Wohlbefindensaspekte. Die Mehrzahl der bisherigen Studien hatte sich bislang auf Lebenszufriedenheit bzw. SWB konzentiert. Das Differenzieren von Wohlbefinden in Unterkategorien fördert ein tieferes Verständnis der Beziehungen zwischen den 24 Charakterstärken und einer Bandbreite an Wohlbefindensaspekten. Aus den Ergebnissen lassen sich erste Hinweise ableiten, welche Charakterstärken für welche Wohlbefindensaspekte besonders relevant sind. Insbesondere die Stärken Hoffnung und Enthusiasmus waren durchweg relevant. Interventionen, die auf die Glücksstärken abzielen, könnten somit ganz besonders wirksam sein, wenn man gewisse Wohlbefindensaspekte (z.B. Sinn oder Engagement) steigern möchte. Beispiele für mögliche Interventionen zur Förderung der Glücksstärken finden Sie hier: Die 5 Glücksstärken.

Künftige Studien werden zeigen, inwieweit diese Ergebnisse verallgemeinerbar sind und welche Interventionen für welche Wohlbefindensaspekte ganz besonders bedeutsam sind.

 

¹ Hausler, M., Strecker, C., Huber, A., Brenner, M., Höge, T. and Höfer, S. (2017) Distinguishing Relational Aspects of Character Strengths with Subjective and Psychological Well-being. Front. Psychol. 8:1159. doi: 10.3389/fpsyg.2017.01159

² Institute on Character, V. (2014). VIA Survey Psychometric Data [Internet]. Available online at: https://www.viacharacter.org/www/Research/Psychometric-Data

³ Hausler, M., Huber, A., Strecker, C., Brenner, M., Höge, T. & Höfer, S. (2017). Validierung eines Fragebogens zur umfassenden Operationalisierung von Wohlbefinden – Die deutsche Version des Comprehensive Inventory of Thriving (CIT) und die Kurzversion Brief Inventory of Thriving (BIT). Diagnostica (63), 219-228. https://doi.org/10.1026/0012-1924/a000174

⁴ Ryan, R. M., and Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. Am. Psychol. 55, 68–78. doi: 10.1037/0003-066X.55.1.68

⁵ Peterson, C., and Seligman, M. E. P. (2004). Character Strengths and Virtues: A Handbook and Classification. Washington, DC; New York, NY: Oxford University Press.

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