Stärken stärken macht uns glücklich (+PDF)

Vielfalt Herbstblätter

Vielleicht erinnern Sie sich noch an Ihre Schulzeit? Stellen Sie sich folgende Situation vor: Es ist Zeugnisvergabe. Sie warten bereits ein klein wenig nervös darauf, dass Ihr Name aufgerufen wird. Als es soweit ist, nehmen Sie mit Herzklopfen das Zeugnis in die Hand. Die Noten sind soweit in Ordnung, in Deutsch sogar ausgesprochen gut, nur in Mathematik will es trotz verstärkter Nachhilfe nicht klappen. Vielleicht war es bei Ihnen nicht die Mathematik, sondern ein anderes Fach. Das zentrale an dieser Thematik ist der Fokus auf unsere Schwächen. Vielleicht kennen Sie ein ähnliches Gefühl auch aus Ihrem Job – Stichwort Mitarbeitergespräch. Auch dort wird häufig auf das Entwicklungspotenzial in den schwächeren Bereichen fokussiert.
Was macht das mit Ihrer Motivation? Mit Ihrer Freude am Lernen? Wie wirkt es sich auf Ihre  Lieblingsfächer aus? Und was hat das mit der Positiven Psychologie bzw. dem gelingenden Leben zu tun?

Forscher haben sich basierend auf genau solchen Szenarien überlegt, was uns glücklicher macht und kamen zum folgenden Ergebnis:

Es lohnt sich mehr unsere Stärken zu entwickeln, anstatt übermäßig Energie für unsere Schwächen aufzuwenden.

Vielleicht erinnern Sie sich an eine Situation (z.B. im Job)zurück, in welcher Sie viel lieber Zeit für Ihre bevorzugten Tätigkeiten aufgewendet und dort Ihre Kompetenzen ausgebaut hätten, anstelle weiterer Schulungen oder Überstunden in den weniger starken Bereichen. In der Regel machen letztere nicht allzu viel Freude, führen häufig zu Frustrationen und Erschöpfung.

Unternehmen, die sich auf die Stärken Ihrer Mitarbeiter konzentrieren und diese fördern sind erfolgreicher, ihre Mitarbeiter  glücklicher!

Doch was sind eigentlich Stärken?
Die renommierten Forscher Peterson und Seligman¹ entwickelten 2004 ein Klassifikationssystem für weltweit gültige Stärken. Sie identifizierten 24 Charakterstärken (wie z.B. Kreativität, Mut, Humor), welche sechs Stärkenfamilien zugeordnet wurden: Weisheit, Mut, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung, und Transzendenz. Um diese Stärken zu identifizieren analysierten die Forscher eine große Vielzahl an moralisch positiv bewerteten Eigenschaften, beginnend bei Aristoteles, über verschiedene philosophische Strömungen hinweg, bis hin zu zeitgenössischer Literatur oder dem Ehrencodex der Pfadfinder. Die 24 Stärken tragen wesentlich zu einem gelingenden Leben bei und ihr Zusammenspiel macht jeden von uns einzigartig. Peterson und Seligman¹  beschreiben, dass jeder von uns im Durchschnitt zwischen 3 und 7 Stärken besitzt, die ganz besonders zentral sind. Ohne diese so genannten Signaturstärken wären wir nicht wirklich der, der wir sind. Etwas Grundlegendes würde fehlen. Während man seine Signaturstärken auslebt, macht es Freude und gibt uns Motivation, was die Grundlage für Glück und Wohlbefinden ist. Darüber hinaus zeigt eine Vielzahl an Studien, dass die Anwendung von Stärken uns motiviert, uns kreative neue Lösungswege finden lässt, uns leistungsbereiter und erfolgreicher und sogar auch gesünder macht.² ³
Um seine Stärken häufiger oder in verschiedenen Kontexten anwenden zu können, ist es hilfreich seine eigenen Stärken zu kennen.

Was sind Ihre Stärken? Haben Sie Freude daran Neues zu lernen, sind Sie eher kreativ oder blühen Sie im Teamwork erst so richtig auf? Hier finden Sie eine Übersicht der Charakterstärken.

Der Forscher Robert Biswas-Diener beschreibt eine hilfreiche Methode, um seine Stärken herauszufinden. Hierfür beschreibt er drei so genannte „Enthusiasmus Fragen“:

Worauf sind Sie stolz?
Woran haben Sie Freude (im Tun)?
Worauf freuen Sie sich (in den nächsten 1-2 Wochen)?

Jede der Fragen deckt eine andere Zeitperspektive ab. Wenn Sie möchten nehmen Sie sich etwas Zeit und überlegen sich Antworten (am besten verschiedene Beispiele) auf eine (oder alle drei) der Fragen. Versuchen Sie im Anschluss daran Gemeinsamkeiten zu finden, die Sie als Stärke definieren. Hilfreich kann es dabei sein, das ganze schriftlich zu machen, um sich im Anschluss leichter zu tun die Stärken zu identifizieren. Biswas-Diener betont dabei, dass alles eine Stärke sein kann. Wichtig ist, dass Sie sie als positiv, hilfreich und charakteristisch für sich selbst empfinden.
Die Übersicht der Charakterstärken kann als Hintergrundinformation hilfreich sein, wenn Ihnen die Stärke auf der Zunge liegt, sie jedoch keinen passenden Begriff hierfür finden.

Wichtig für das Wohlbefinden ist es herauszufinden, welche Stärken ganz besonders zentral sind in der aktuellen Lebenssituation. Haben Sie aktuelle Möglichkeiten (im Privat- und Berufsleben) Ihre Stärken anzuwenden? Gibt es vielleicht die Option Ihre Stärken (jetzt nachdem Sie sich dieser bewusst sind) häufiger anzuwenden, oder auf neue Art und Weise? Könnte die ein oder andere Stärke bei der Lösung eines aktuellen Problems hilfreich sein? Diese und weitere Fragen können dabei unterstützen sein Stärkenpotential zu entfalten.

Aktuelle Studien zeigen, dass die häufigere Anwendung der eigenen Charakterstärken längerfristig zu mehr Wohlbefinden führt, das Risiko für Burnout und Depressionen senkt und auch die körperliche Gesundheit unterstützt.5

Was wäre, wenn wir unsere Energie für unsere Stärken nutzen würden? Wenn jeder das täte, was er gut kann und Freude macht? Wie würde sich das auf das Glücksempfinden, die Zufriedenheit und auch auf Erfolg auswirken?
Das sind Fragen, die in unserer Gesellschaft zunehmend relevanter werden.

Was jeder für sich tun kann:
Werden Sie sich Ihrer Stärken bewusst und schaffen Sie sich Möglichkeiten in Ihrem Leben, um den Stärken mehr Raum zu geben. Dadurch dass viele der Stärken relativ kontextunabhängig sind (z.B. Kreativität oder Freundlichkeit), lassen sie sich in einer Vielzahl an Situationen einsetzen.

Stärken sind veränderbar!
Nur weil Sie manche Ihrer Potenziale aktuell nicht ausleben, heißt das nicht, dass Sie sie nicht besitzen. In der Forschung wird deshalb auch zwischen dem Besitz und der kontextspezifischen Anwendung von Stärken unterschieden. Stärken können entwickelt, miteinander kombiniert und in den verschiedensten Situationen als hilfreich erlebt werden. Welche Stärken in welchen Situationen helfen können, sieht man nicht immer gleich auf den ersten Blick. Probieren Sie einmal aus Ihre zentralen Stärken in herausfordernden Lebenssituationen zu nutzen, auch wenn es für Sie auf den ersten Blick überraschend oder ungewöhnlich wirkt. Vielleicht lassen sich auch zwei Stärken miteinander kombinieren, sodass sich diese gegenseitig befruchten.

Je mehr Sie sich und Ihr Umfeld durch eine „Stärkenbrille“ wahrnehmen, desto leichter wird es Ihnen fallen Stärken bei sich und anderen zu erkennen und Situationen sowie Möglichkeiten zu sehen, in welchen Anwendungsmöglichkeiten derselben bestehen.

Fazit: Stärken führen zu Wohlbefinden, Gesundheit und einer Vielzahl an weiteren positiven Ergebnissen. Es ist demnach sehr sinnvoll sich seine Stärken bewusst zu machen und diese zu fördern, um das volle (Glücks-)Potenzial auszuschöpfen.

Stärken stärken macht uns glücklich!

Herzlichst Ihre

Psychologe Innsbruck
Psychologin in Innsbruck

Holen Sie sich hier die PDF mit der Übersicht der Charakterstärken.

¹ Peterson, C., and Seligman, M.E.P. (2004). Character strengths and virtues: A handbook and classification. Washington, DC, US; New York, NY, US: Oxford University Press.

² Lavy S, Littman-Ovadia H. 2017. My better self: Using strengths at work and work productivity, organizational citizenship behavior, and satisfaction. Journal of Career Development. 44:95-109.

³ Gander, F., Proyer, R.T., Ruch, W., and Wyss, T. (2012). The good character at work: an initial study on the contribution of character strengths in identifying healthy and unhealthy work-related behavior and experience patterns. International Archives Of Occupational And Environmental Health 85(8), 895-904. doi: 10.1007/s00420-012-0736-x.

⁴ Biswas-Diener, R. (2010). Practicing Positive Psychology Coaching: Assessment, Activities, and Strategies for Success. Hoboken, NJ: John Wiley & Sons 2010.

5 Hausler, M., Strecker, C., Huber, A., Brenner, M., Höge, T. & Höfer, S. (under review). Positive associations between the application of signature character strengths, well-being and health in medical education. Frontiers in psychology.

Ich danke Ulrike Bossmann für ihre Einladung einen Artikel für die Blogparade „Dein Weg in ein erfülltes Leben“ zu schreiben in dessen Rahmen dieser Artikel entstanden ist.

1 Kommentar

  1. Liebe Melanie,

    hab 💖lichen Dank für deine Teilnahme an der Blogparade. Stärken stärken macht glücklich. Yeah, I love it 💪☀️🦄! Ich denke, sich der eigenen Stärken bewusst zu werden und diese vor allem dann auch einzusetzen, das ist ein echtes Zaubermittel für das erfüllte Leben. Viel zu häufig konzentrieren wir uns nämlich nur auf unsere Schwächen. Und ich mag auch die Idee, dass der Charakterstärkentest eben „Values in Action“ misst, d.h. wie sehr du bestimmte Dinge auch schon lebst. Daraus ergibt sich dann, dass manche Stärken eben schon gelebt werden, andere noch schlummern (aber geweckt werden könnten). Das ist Ressourcenorientierung pur ✨.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.